Kommunikation in der Begegnung

„Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“ Martin Buber (1878 – 1965)

 

Animus – mehr als „Sprachliche Kommunikation“

Sprachanimation – was ist das und welches Ziel wird damit verfolgt?

Im deutsch-französischen Kulturprojekt wird Sprache permanent „animiert“. Dabei verstehen wir den Begriff „Animation“ im Zusammenhang mit den lateinischen Begriffen „animus“ und „anima“. Animus steht dabei für Seele, Geist, Verlangen, Wunsch, Lust, Neigung etc. sowie anima eher elementhaft für Luft, Wind, Atem, Seele und Leben steht.

Unsere Aufgabe sehen wir darin, einen gemeinsamen Erfahrungsraum zu schaffen, der einlädt, Austausch auf eine natürliche, d.h. dem Moment entsprechende sinnhafte Weise, zu möglichen:

  • Dies geschieht in den deutsch-französisch gemischten Schlafräumen.
  • Es passiert am Essenstisch,
  • Beim Tischtennisspielen.
  • Es wird real in deutsch-französischen Gruppenarbeiten.
  • Oder in Soloarbeiten beim z.B. Verfassen von persönlichen Texten basierend auf Erfahrungen der eigenen Biografie.
  • Die Annäherung an das Projektthema, welches sich immer mit Fragen des Lebens beschäftigt und die Welterfahrung der Teilnehmenden als Ausgangspunkt für den Austausch nimmt.
  • Es wird gefördert durch eine achtsame Sprache, die Klarheit, Zuhören und Aufmerksamkeit in den Vordergrund stellt.
  • Durch die Beschäftigung mit Theater und Tanz, denn dort geht es um nichts anderes als Kommunikation und Ausdruck.
  • Und in den unzähligen Augenblicken des Zusammenlebens.

Übersetzung

Gruppensprache: Im „ich“ sprechen und andere Fragen der Haltung …

DEVELOPING A GROUP LANGUAGE FOR SUPPORTING THE „TAKING OVER“

JÜRGEN HABERMAS developed once a system of „Sprechakte“ related to former research of „Austin und Searle“ where he introduced „validity claims:

  • Verständlichkeit: Der Sprecher unterstellt das Verständnis der gebrauchten Ausdrücke. Bei Unverständnis wird zur Explikation durch den Sprecher aufgefordert.
  • Wahrheit: Bezüglich des propositionalen Gehalts der
    Sprechakte wird Wahrheit unterstellt. Wird diese bezweifelt,
    muss ein Diskurs klären, ob der Anspruch des Sprechers zu
    Recht besteht.
  • Richtigkeit: Die Richtigkeit der Norm, die mit dem Sprechakt
    erfüllt wird, muss anerkannt werden. Auch dieser
    Geltungsanspruch ist nur diskursiv einlösbar.
  • Wahrhaftigkeit: Die Sprecher unterstellen sich gegenseitigWahrhaftigkeit (Aufrichtigkeit). Erweist sich diese Antizipation(Voraussetzung) als unhaltbar, kann der Hintergrundkonsensnicht mit dem unwahrhaften Sprecher selberwiederhergestellt werden.

His interest in „Language Philosophy“ as part of his Theory of Society was to research „acting“ as a certain verbal expression based on standards and rules, which need to be interpreted and understood for achieving meaning and sense.
(HABERMAS: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, S. 17)

Inspired by HABERMAS we worked every day on language understanding, using three languages (German, French and English) and sharing and playing around, using a most precise way of expressing ourselves through body language and speech language. For example: In the morning and whenever needed, we started the opening circle by naming the „mask“ each one is mostly in at that moment – by using the term „mask“ as a symbol for a feeling that is currently present. In this way the performer introduced her or his personal state to her or himself as well as to the group. The motive was on one hand to share essential information about oneself shortly before meeting the others on stage and on the other hand to give my player the permission to use everything what I find for the creation on stage. A basic rule was to speak in a subjective way using „I“ in my speech instead of „you“ or „we“ to avoid projections and so called „general truths“.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Unser Ziel die behandelten Themen auf eine gemeinsame Bühne zu bringen erfordert eine Offenheit, um eine Ebene zu erschaffen, die Begegnung persönlich, wie sprachlich erlaubt. Dabei ist das Gemeinsame sowie das Verschiedene Teil des Spiels das sich für den Zuschauer unmittelbar abspielt in einem performativem Raum und Prozess.

12 Tage lang begegnen sich beide Sprachen, das Französische, das Deutsche und manchmal auch das Englische zur Vermittlung. Spielerisch entstehen in diesem Zeitraum unzählige Momente abseits und auf der Bühne. Wie „animieren“ Sprache nicht nur in einem Cluster von 60 Minuten; Sprache und Verständnis ist permanent Thema in einer intensiven und exklusiven Art und Weise, wie sie vielleicht nur innerhalb konkreter kulturell-ästhetischer Erfahrung möglich ist.

Als Theater- und Tanzpädagogen mit jahrzehntelanger Projekterfahrung mit allen Lebensaltern und internationaler Zusammensetzung ist „Sprachanimation“ in isolierter Form“ in unserem Verständnis nur theoretisch fassbar; vielmehr ist sie uns permanenter Bestandteil und Verpflichtung innerhalb eines Projekts, welches „Kulturelle Bildung“ als Ziel hat und somit sich in ganzheitlicher Weise den vorhandenen Ausdruckskompetenzen und –wünschen der Teilnehmenden verpflichtet sieht.

Spielerische Begegnungen

Das Sprachniveau der beiden Gruppen bewegte sich auf Anfängerniveau. Einige der Teilnehmenden konnten auf Schuldeutsch bzw. Schulfranzösisch zurückgreifen, was z. T. das passive Sprachverstehen erleichterte. Der deutsch-französische Sprachaustausch fand auf unterschiedlichen Ebenen statt, die sich gegenseitig unterstützten und verstärkten:

• Sprachanimation mit performativen, kreativen und kooperativen Elementen
• Theater-, Improvisationsarbeit
• (all-)täglicher, spontaner Umgang innerhalb der Gruppe

Sprech-Sprache / Körper-Sprache / Bilder-Sprache / Universelle-Sprache: Sprache finden in der Begegnung!

In einem deutsch-französichen Partnerprojekt spielt die (Sprech-)Sprache eine wichtige Rolle und findet in intensiver Weise Raum; insbesondere, wenn sie in Form von „Zweisprachigkeit“ auf die „Bühne“ gebracht wird.

Es geht aber auch hier um mehr. Eine gemeinsame Sprache zu finden ist das Ziel. Begegnung erlauben und unterstützen. Sich selbst und anderen begegnen, sich selbst und den anderen in der Begegnung erkennen…

Bild-Sprache

Zu Beginn legte sich jede Person auf die Papierrolle. Danach wird ein Blatt in Körpergröße ausgeschnitten. Zur Einstimmung liegen die Teilnehmenden eine Weile nur auf ihrem Blatt, nehmen Kontakt zu sich auf, stimmen sich ein für die intuitive Gestaltung. Die Einladung besteht nun darin, ein Körper-Portrait zu gestalten. Farben und Gestaltung sind individuell. Thema ist: Spiegel etwas von deiner Person. Welches „Ich“ ist augenblicklich besonders stark repräsentiert? Im Anschluss wird bei einer Vernissage das Körperbild und die eigene Person vorgestellt, so wie jede(r) es für angemessen hält. Die anderen dürfen der Gestalter/in mitteilen, welche Eindrücke für sie das Bild vermittelt.

Diese Erfahrung ist sehr persönlich und intensiv. Sie stellt eine besondere Form der Kontaktaufnahme mit sich und den anderen in der Gruppe dar. Eindrücke werden subjektiv formuliert. Bewertungen bleiben aus. Die Vorstellung erlaubt das Spiel mit der Sprache auf allen Ebenen: deutsch-französisch, körperlich, bildlich, emotional.

 

Beispiel – Sentence of the Day

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Aufgabe: „Konstruiere einen Satz, der Dir für den heuten Tag persönlich wichtig erscheint. Durch Mithilfe eines andersprachigen Partners übersetze diesen Satz ins Deutsche bzw. ins Französische –also in diejenige Sprache, die für dich die Fremdsprache ist, dann präsentiere am folgenden Tag deinen fremdsprachigen Satz vor der ganzen Gruppe – aber mündlich und ohne dabei vom Blatt abzulesen.“
Der Sentence of the Day öffnete mehrere Türen gleichzeitig: Da es sich um ein täglich sich wiederho-lendes Ritual handelte, gelang es in dieser Weise, die bewusste Aufmerksamkeit sämtlicher Teil-nehmenden für den Aspekt des Sprachaustauschs im Projekt aufrechtzuerhalten. Die Übung diente außerdem auch als ein Mittel der Selbstreflektion und des persönlichen Ausdrucks. Im Umgang mit der fremden Sprache hatte jeder der Teilnehmer täglich eine Möglichkeit, etwas von sich auszudrücken und den anderen in der Gruppe mitzuteilen – mal in eher poetischer Form, mal eher persönlich, aber stets in prägnanter Weise angereichert mit individuellen Gedanken und Inspirationen. Das anzustrebende Sprachniveau konnte ein jeder dabei an seine eigenen sprachlichen Fähigkeiten selbstständig anpassen. Die Sprachpartnerschaften führten zu persönlichen Begegnungen und förderten den interkulturellen Austausch.
Schon am ersten Abend konnten die Projektteilnehmer den Sentence of the Day als Teil ihrer ersten Begegnungsaktivität erleben, was mit hohem Engagement und spielerischer Neugier fortgeführt wurde. Alle Teilnehmenden waren in dieser Weise zugleich sowohl Sprachlernende wie auch Sprachlehrende. Immer wieder war zu den verschiedenen Tageszeiten zu sehen, wie deutsch-französische Paare mit Zettel und Stift am Tischrand zusammensaßen, um sich über den Satzbau, die Grammatik und die Aussprache ihrer Sätze gegenseitig zu befragen und zu verständigen – mal im Studio, mal während der Kaffeepause am Nachmittag und auch in entspannter Atmosphäre am Abend bei Getränken …

Beispiele französischer Sätze, die von den deutschen Teilnehmern formuliert wurden:
– J’aime sa musique / Le vent soufflé/ Eglise / Blanche grise / le besoin de faire quelque chose par le public

Beispiele deutscher Sätze, die von den französischen Teilnehmern formuliert wurde:
– Ich liebe diesen moment / Der Wind spilet mit den Blättern / Starker Regenguss – stelle dich dem Wind entgegen

Körperspiele

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Als Vorbereitung wird eine Übung zur Bewegungskoordination durchgeführt, in der verschiedene Körperteile singend aufgerufen und mit der entgegengesetzten Hand angetippt werden (so tippt die rechte Hand z.B. das linke Knie an und umgekehrt): “ear-ear-shoulder-shoulder-hip-hip-knee-knee-foot-foot”.

Es wird mit der Benennung von verschiedenen Körperteilen fortgefahren, indem deren Bezeichnungen auf Französisch und Deutsch auf Zettel notiert werden, um anschließend Benennungen der verschiedenen Körperteile in den jeweiligen Sprachen zu entsprechenden Bewegungen in der Kreisrunde spielerisch nachzusprechen.
Variation: Im Kreis. Eine Person beginnt mit einem Begriff des Körpers in der Partnersprache. Die nächste Person sagt das Wort nun in der anderen Sprache. Falls sie es nicht kennt, hilft die nächste Person aus.

Entwicklung durch Performative Umsetzung

Künstlerisch

Zunächst wurden die Wörter/Begriffe, die zentrale Bedeutung für die ästhetische Arbeit hatten, erst von den native Speakern vorgelesen und im Anschluss von der anderen Gruppe wiederholt.

Dann brachten wir die Wörter in Bewegung und in den Raum. Dabei bildeten sie den Impuls für spontanen Körperausdruck.

Im nächsten Schritt wurden deutsch-französische Tandems gebildet und die Aufgabe gegeben, eine kurze Choreographie zu erstellen. Jedes Paar kreierte daraufhin eine Tanzabfolge, wobei verschiedene Körperteile in der jeweils fremden Sprache singend aufgerufen wurden. Hierdurch entstand eine ganze Reihe von lustigen Kombinationen und rhythmischen Bewegungsabfolgen, die erst als kleine Show präsentiert und danach vom jeweiligen Paar der gesamten Gruppe beigebracht wurden.

Beispiel – Die Kuh macht Muh!

Jede der Teilnehmenden erhält einen Zettel, auf dem die Bezeichnung eines Tieres angegeben ist. Jedem Tier ist ein Paar zugeordnet, wobei die beiden Partner aber nicht wissen, wer der jeweils andere ist. Die Gruppe wird daraufhin aufgefordert, sich im ganzen Raum zu verteilen und mit geschlossenen Augen langsam und vorsichtig durch den Raum zu bewegen, wobei die entsprechenden Tierlaute nachgeahmt werden, bis alle Tierpaare zueinander gefunden haben.
Nachdem die Gruppe wieder zusammengekommen ist, gingen wir die verschiedenen Tierbezeichnungen durch, die wiederum auf Zettel notiert werden. Dabei wird die jeweilige Aussprache in der Kreisrunde eingeübt – in pantomimisch unterstützender Weise sowie durch körperliche Ausdrucksfähigkeit. In dieser bilingualen Gruppe entwickelt sich darüber hinaus auch ein spezielles Interesse, den Abweichungen in der Wiedergabe von Tierlauten zwischen den beiden Sprachen genauer nachzugehen:

Miau-Miaou/Wau-Waouh/Muh-Meuh/Kikieriki-Cocorici/piep-cui-cui

Performative Umsetzung

Die Gruppe wurde gebeten, sich in deutsch-französischen Tandems aufzuteilen und einen Gesang einstudieren, der den Namen von Tieren in beiden Sprachen enthalten sollte. Singend, sich bewegend, musizierend wurden in spielerischer Weise so eigene Songs entwickelt und vor der Gruppe dargeboten.

Beispiel  – Ja, das mag ich. Nein, das mag ich nicht.

Zunächst haben wir drei bis vier kurze Ausdrücke für das Akzeptieren und das Ablehnen gesammelt und dann auswendig gelernt; z. B.: „Ja, sehr gerne”; „Ja, das mag ich”; „Nein, das mag ich nicht”; „Bitte hör auf damit” – und zwar sowohl auf Deutsch wie auch auf Französisch.

Performative Umsetzung

Die Teilnehmenden wurden aufgefordert, sich zu zweit in Paaren zusammenzufinden. Ein Partner legte sich auf dem Boden und der andere setzte sich daneben. Die sitzende Person probierte so-dann unterschiedliche Arten der Berührung auf verschiedenen Körperteilen der liegenden Person aus – wie z. B. Streichen, Drücken, Klopfen, Reiben, Kämmen. Nach einer gewissen Zeitspanne des Wahrnehmens brachte die liegende Person in sprachlicher Form ihre positive oder negative Reaktion zum Ausdruck.

Eine anschauliche Demonstration seitens der Facilitator bereitete die Gruppe sorgfältig und behutsam vor, einander mit gegenseitigem Respekt zu begegnen und sich mit einem Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens auf die Übung einzulassen. Nach einer kurzen Pause für persönliches Feedback und Erfahrungsaustausch wechselten die Paare daraufhin ihre Rollen.

In einem nächsten Schritt wurden die Reaktionen auf die Berührung dann nicht mehr sprachlich, sondern durch eine Bewegung ausgedrückt; hierbei sollten die Bewegungen spontan und ohne (bewusste) Intention vom Körper ausgehen, z. B. in Form von Schütteln, Schieben, Springen, Umarmen, Ausweichen, etc. Aus dieser Übungsphase entwickelten sich Kontakt-Tanzimprovisationen in den einzelnen Paaren und dann auch innerhalb der gesamten Gruppe.

Raumwörterbuch/Post-it-Spiel

Das Raumwörterbuch eignet sich besonders gut für Begegnungen, bei denen die deutsch-französische Gruppe mehrere Tage am selben Ort verbringt. Ziel des Spieles ist das Kennenlernen der neuen Umgebung in der Fremdsprache. Dazu heften deutsch-französischen Tandems kleine Klebezettel an die Gegenstände ihrer unmittelbaren Umgebung mit entsprechenden Vokabeln in beiden Sprachen.

Auswertung der Sprachanimation

Die Teilnehmenden nahmen die Spiele und Übungen der Sprachanimation mit großer Begeisterung an. Besonders gut kamen Spiele an, die auf darstellerische Fähigkeiten abzielten oder einen poetischen Zugang zur Sprache ermöglichten. Bemerkenswert ist immer wieder, dass einzelne Elemente der Sprachanimation spielerisch in die Performance-Arbeit eingebracht wurden, ohne dass dazu explizit aufgefordert werden musste. So diente die jeweilige Fremdsprache und der persönliche Umgang mit ihr als eine weitere Quelle, aus der die Performer sowohl während der Vorbereitung als auch auf der Bühne schöpfen konnten.